Ein Interview mit Arie Schick

 

 

„Eine erste Stabilisierung gelang mir nach der Verortung und der Identifikation des Grauens“

 

 

Zur Person

Geboren wurde Arie Ben Schick 1966 in Bremen. Er ist Geisteswissenschaftler, arbeitet als Eignungsdiagnostiker und Autor. Seit fast 25 Jahren ist Schick verheiratet und lebt im Rheinland. Zu seiner Familie gehören drei Kinder und ein kleiner Hund.

 

Wie geht es Ihnen?

Vielen Dank, ganz gut. Diese Frage, wenn sie nur als Small-Talk gemeint ist, mag ich nicht besonders, denn ich weiß oft nicht, was ich sagen soll, was erwartet wird. Soll ich oberflächlich, gesellschaftlich kompatibel antworten oder ehrlich sein? Ich mag dieses „Alles gut?“ als ersetzende Frage oder „Alles gut!“ als Antwort gar nicht. Eine Weile habe ich geantwortet: „Ich bin da“, doch das hat mein Gegenüber zumeist mehr verwirrt als geholfen. Also, wir können reden.

 

 

Prima. Warum dieses Buch? Warum zu diesem Zeitpunkt?

Es heißt, der Laie schriebe für sich, der Profi für andere Menschen. Die schlichte Antwort ist, dass ich jetzt soweit bin, mit meiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. Ich will meinen Anteil zur Aufklärung von übertragenen Kriegstraumata leisten und, das ist gleichrangig, Teil derer sein möchte, die zur Entstigmatisierung von psychischen Erkrankungen beitragen. Deshalb geht es in dem Buch nicht alleine um meine Geschichte, sondern ebenso um die psychologischen und historischen Zusammenhänge beider Bereiche. Das war mir wichtig.

Zudem haben der Mabuse-Verlag und ich uns richtig Zeit gelassen, damit es ein gutes Buch werden konnte. Vor allem die Professionalität meiner Lektorin hat mir gut gefallen. Das war eine tolle Zusammenarbeit. Ungeduld wäre dabei ein schlechter Berater gewesen.

 

 

Dieser Tage erscheint also Ihr Buch „Mama, erzähl mir vom Krieg. Traumabildung in der Nachkriegsgeneration.“ Warum bringen Sie Ihre psychische Erkrankung in Verbindung mit den Dingen, die Ihre Mutter lange Zeit vor Ihrer Geburt in der Kriegszeit erlebt hat?

Das ist ganz einfach: Weil es so ist, wie es ist und weil ich aus erwachsener Sicht verstanden habe, dass die Einwirkungen und Erschütterungen des Krieges auf meine Mutter, sie war Jahrgang 1922, so nachhaltig und traumatisierend waren, dass sie damit nicht zurechtkam und mir, damals war ich drei, vier, fünf Jahre alt, begonnen hatte, von ihren Erfahrungen im Krieg und auf der Flucht erzählt hat. Das ging bis zu ihrem Tod so, als ich 13 Jahre alt war. Sie war so schwer erkrankt, dass sie scheinbar nicht erkannt hat, dass dies alles keine Geschichten sein konnten, die einem kleinen Kind zu erzählen waren. Das Problem war, dass sie alleine in solchen Momenten des Erzählens Nähe und Zärtlichkeiten mir gegenüber zuließ, ansonsten nicht. Heute würde es als seelischer Missbrauch bezeichnet werden, Ende der Sechziger-, Anfang der Siebzigerjahre natürlich nicht. Alles wurde geheim gehalten.

Die Übertragungen durch meine Mutter habe ich früh bemerkt, denn ich hatte wirklich sehr lange ihren unbewältigten Krieg in den Knochen.

 

 

Was bedeutet das?

Das klingt jetzt so eigenartig, wie es war: Ich kam zwar so lange nach dem Krieg zur Welt, immerhin 21 Jahre, doch ich hatte immer schon Erschütterungen in mir. Seit meiner Kindheit hörte ich Bombeneinschläge, sah die Trümmerlandschaften vor meinem inneren Auge, konnte den Geruch verwesender Leichen riechen, ohne jemals dabei gewesen zu sein. Und ich konnte die Angst spüren, wie sie auf der Flucht erlebbar gewesen sein muss. Wir haben scheinbar zu symbiotisch gelebt, dass diese Erschütterungen auf mich übergesprungen sind, ich sie verinnerlicht habe.

 

 

Woher kommt der Buchtitel?

Mitten aus ehemals realen Situationen. Ich konnte nicht einfach zu meiner Mutter auf den Schoß klettern, mit ihr schmusen. Wenn ich sie jedoch bat: „Mama, erzähl mir vom Krieg“, hat es funktioniert. Dann bekam ich die Zuwendung, nach der ich mich so sehr sehnte. Doch die galt nicht mir, sondern der Konzentration auf ihre früheren Erlebnisse im Krieg und auf der Flucht.

 

 

Können Sie bitte etwas deutlicher werden?

Ja, kann ich: Meine Herkunftsfamilie ist durch die nationalsozialistische Geschichte Deutschlands sehr geprägt. Meine Eltern waren 1933 zum Beginn der Hitlerzeit junge Erwachsene, die als Kinder und Jugendliche nichts anderes kennengelernt hatten, als die vorherrschende politische Atmosphäre und das rassistische Menschenbild, mithin sehr manipulierbar waren und sich dem Sog nicht entziehen konnten. Sie waren Mitlebende, Mitläufer und Mittäter dieser Zeit. Nach 1945 haben sie nicht am äußeren Wiederaufbau teilgenommen. Sie blieben mit sich und der Abkehr vom Nationalsozialismus beschäftigt.

Meine Mutter lebte nur in der Vergangenheit, hatte ihre Heimat und über die Jahre viele Familienangehörige verloren, denen sie als „lebendige Tote“ eine fast körperfeste Präsenz in unseren Haushalt erlaubte.

Mein Vater starb 1967, als ich noch ein Baby war. Sein Sterben war vermutlich der psychische Todesstoß für meine Mutter. Emotional blieb sie sie psychisch rückwärtsgerichtet, ansonsten versorgungsstark. Das konnte sie, hatte zu tricksen und zu organisieren gelernt. Sie hat alles dafür getan, dass ich es äußerlich warm, genug zu essen, zu trinken und zum Anziehen hatte. Wollte ich aber ihre Nähe und Zuwendung erleben, musste ich sie bitten, vom Krieg zu erzählen. Nur dann war sie ganz bei sich und konnte mir eine oberflächliche Zärtlichkeit zugestehen, die ich damals missverstand.

Meine Mutter habe ich nicht ohne die psychischen und historischen Einflüsse des Zweiten Weltkrieges kennengelernt. Heute wundert es mich nicht mehr, dass ich mich immer irgendwie anders im Vergleich zu anderen Kindern wahrgenommen habe.

 

 

Welche Diagnosen wurden fachärztlich bei Ihnen gestellt?

Eine Depression mit euphorischen, anfänglich hypermanischen Anteilen; eine generalisierte Angststörung; Konkretismus; posttraumatische Belastungsstörung vom Typ-II-Traumata mit Intrusionen und Hyperarousal. Ein zeitweise zwanghaftes und ein ordnungsorientiertes Verhalten habe ich ebenso zu meinen Auffälligkeiten zu zählen wie eine teilweise ausgeprägte Skurrilität.

Symptomatisch habe ich es oft mit Schreckhaftigkeit, deutlicher Reizbarkeit im Zusammenhang mit Geräuschen, Licht und Farben zu tun. Ich nehme seit einigen Jahren Medikamente ein, was ich als hilfreich empfinde, nicht als Last. Zudem habe ich eine ausgeprägte synästhetische Wahrnehmung meiner Umwelt, was keine Erkrankung ist.

 

 

Wann haben Sie gespürt, dass etwas nicht stimmte?

Naja, so richtig „normal“ hatte sich nie alles in meinem Leben angefühlt. Ich hatte lange mit Halluzinationen mit Kriegsinhalten zu tun. Es war schrecklich, denn ich sah mich mitunter sogar in einem Vernichtungslager eingesperrt.

2012 starb meine Schwester. Sie war 1943 zur Welt gekommen, mitten im Krieg, 23 Jahre vor mir, und sie war als Kleinkind mit unserer Mutter in den Westen geflohen. Ihr Tod ist mir der „offizielle Auslöser“ meiner psychischen Erkrankung. Er warf mich zurück auf die jahrzehntelang unterdrückten und abgespaltenen emotionalen Erschütterungen, das nicht verarbeitete Leben mit meiner Mutter und ihren frühen Tod, auf meine Familien- und Herkunftsgeschichte. Vier Wochen nach der Beerdigung meiner Schwester habe ich eine psychosomatisch bedingte Eskalation meines Blutdrucks erlebt.

In den drei anschließenden Monaten hatte ich Halluzinationen, die ich kaum ertragen konnte. Regelmäßig veränderten Wände und Decken ihre Form, kamen auf mich zu, drohten mich zu zerdrücken. Halluzinationen mit kriegsbezogenen Inhalten häuften sich. Ich dachte, sterben zu müssen.

Besonders schlimm war, dass ich mich oft einer Ohnmacht nahe gefühlt habe, ständig hatte ich wackelige Bilder vor Augen, konnte meine Umgebung nicht mehr klar erkennen. Selbst wenn ich mich hingelegt hatte, musste ich mich festhalten. Dreimal bin ich tatsächlich umgekippt, mir dabei einmal das Jochbein angebrochen und mehrfach Prellungen zugezogen. Das war nicht schön.

 

 

Wie haben Sie sich Hilfe gesucht?

Ich hatte das Glück, dass ich fähig war, mir überhaupt Hilfe holen zu können, es zu erkennen, dass ich dringend Hilfe brauchte. Allem voranstellen will ich, dass ich von meiner Frau Sarah und von meinen Kindern jegliche Hilfe und Unterstützung bekommen habe, die ich brauchte. In der Hauptsache brauchte ich Ruhe, Zurückgezogenheit, um zu kapieren, was vor sich ging, um es einordnen zu können. Meine Frau Sarah war zu jedem Zeitpunkt für mich da, wenn ich ihre Nähe oder das Gespräch mit ihr brauchte. Wenn ich nicht alleine sein konnte, blieb sie an meiner Seite.

 

 

Das wird nicht alles gewesen sein, oder?

Nein, das hätte bei aller Liebe nicht gereicht, gewiss nicht. Ziemlich schnell nach der Bluthochdruck-Eskalation habe ich verstanden, dass ich professionelle Hilfe brauchte. Zunächst habe ich mich an den örtlichen Hospizverein gewendet, die mir einen Trauerberater vermittelt haben. Er hat mir geholfen, die erste, sehr düstere Zeit zu überwinden. Ein toller Mensch, zu dem ich noch heute Kontakt habe. Parallel dazu habe ich mich nach einem Psychotherapeuten umgesehen, weil ich gemerkt habe, dass meine Erkrankung nicht mit einer kurzen Grippe vergleichbar war. Auch dabei hatte ich Glück. Nach vielleicht zehn Anrufen und hinterlassenen Nachrichten auf den Anrufbeantwortern verschiedener Therapeuten hatte ich die Gelegenheit, bei zwei Behandlern probatorische Sitzungen machen zu können. Die eine wollte mich nicht, bei dem anderen passte es. Mit der Behandlung begonnen habe ich etwa vier Monate nach dem Einsetzen der Angst-Symptome.

Gelernt habe ich, meine psychische Erkrankung in einem komplexeren Zusammenhang zu sehen. Der lag in meiner Kindheit, den Erfahrungen im Zusammenleben mit meiner psychisch kranken Mutter, und in ihrem Tod, sowie den Übertragungen durch die Einflüsse des Zweiten Weltkriegs.

 

 

Wie verlief Ihre persönliche Entwicklung?

Nach einer kurzen, stabilen Phase nach der Überwindung einer Angststörung, einer parallelen analytischen und medikamentösen Behandlung, und nach einem tollen Sommerurlaub mit meiner Familie, erkrankte ich an einer schweren Depression, in deren Verlauf ich beinahe ich einen depressiven Stupor mit Mutismus gefallen wäre. Zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits eine dreijährige Psychoanalyse hinter mir und dachte, es wäre ausreichend. Daraus wurde nichts und ich musste mich mit neuen Symptomen beschäftigen, mir später einen anderen Behandler suchen.

Und ich habe damals begonnen, mein Gewicht zu reduzieren. Zuvor habe ich emotional kompensatorisch gegessen, selten, weil ich Hunger hatte. Ich wog 130 Kilo, nach der Abnahme 75.

Die Ausreifung und Etablierung des depressiven Gesamtbildes brauchte längere Zeit. Oft stand ich kurz davor, mich in die Psychiatrie einweisen zu lassen.

Sehr behindernd habe ich eine ausgeprägte Pseudodemenz mit extremer Vergesslichkeit und erheblichen Wortfindungsstörungen erlebt.

Selbst mein kleiner Hund hat auf meine Depression reagiert. Oft war er an meiner Seite und ließ mich, wenn ich mich tagsüber in einen richtigen „Schlaf des Vergessens“ fallenlassen wollte, nach spätestens 90 Minuten nicht mehr in Ruhe, bis ich wieder aufgestanden war. Das war wirklich eine starke Leistung von ihm. Er hat mich auf eine sehr freundliche Art immer wieder zur Wachheit gezwungen und in Bewegung gebracht.

Als ich verstanden hatte, dass mein Grauen innerhalb und unterhalb der Erfahrungen meiner Mutter im Zweiten Weltkrieg zu finden ist, ich es dort verorten kann, fand ich die erste Stabilität wieder. Gerade bei meiner chronifizierten Depression habe ich das als Erleichterung erlebt. Zudem habe ich mich viel mit dem Phänomen der Erinnerungsverfälschung auseinandergesetzt, um mich selbst nicht hereinzulegen. Insgesamt sehe ich meine Entwicklung, die nicht linear verläuft, als die Herausforderung meines Lebens.

 

 

Wie erleben Sie heute Ihren Alltag?

Leicht fällt mir mein Leben mit der Erkrankung selten und eines meiner obersten Ziele ist es oft, für meine Alltagstauglichkeit zu sorgen. Seit ich darüber im privaten und öffentlichen Raum sprechen kann, habe ich einen guten Schritt gemacht. Erkannt habe ich, dass ich mit meinen Erfahrungen nicht alleine bin, dass es inzwischen eine Vielzahl von Menschen gibt, zumeist zwischen 1950 und 1975 geboren, die sich mit den Übertragungen der elterlichen Erfahrungen beschäftigen. Dadurch habe ich erkannt, dass ich kein Sonderling bin, sondern die Geschichte mit vielen anderen Menschen teile.

Froh bin ich, wenn ich eine ausreichende Stabilität habe, dass ich arbeiten kann. Ich bin verletzlich, habe mit unterschiedlichen Befindlichkeiten zu tun, kann mich inzwischen gut selbst wahrnehmen. Angetrieben bin ich von meiner Lust auf das Leben, dem Wert meiner Familie und von meiner Neugierde, mir weiterhin profundes psychologisches und historisches Wissen anzueignen.

Das Schreiben meines Buches hat mir sehr geholfen. Es wird auch nicht bei diesem einzigen Buch bleiben. Ich möchte meine Geschichte weitererzählen. Außerdem schreibe ich regelmäßig Tagebuch, was mir sehr hilft.

Oft gibt es gute Tage, doch ebenso Momente, in denen ich einen selbstunsicheren Eindruck von mir habe, nicht sofort weiß, woher es kommt und was los ist. Zumeist bin ich in solchen Situationen wenig belastbar, selten produktiv, spüre eine innere Wackeligkeit und habe das Bedürfnis, mich hinzulegen. Wenn es mir nicht gutgeht, schlafe ich weniger, wache sehr früh auf. Das hat schnell Erschöpfung zur Folge.

Geht es mir gut, spüre ich, wie gerne ich lebe, lache und Späße treibe.

Der Übergang aus der Schwermütigkeit zum anfänglich euphorischem Verhalten ist fließend und ich erlebe sie in kleinen Wellenbewegungen. Mein hypermanisches Verhalten äußert sich in einer gesteigerten Kontaktfreudigkeit mit anderen Menschen und einer erhöhten Energie im Zusammenhang mit neuen Interessensbereichen innerhalb meiner klassischen Themenkomplexe.

Gut sind solche Phasen, in denen ich arbeits- und alltagsfähig bin, mich neben meinen subjektiven Bedürfnissen um die meiner Familie kümmern kann, die Kraft dafür ausreicht. Planbar und zuverlässig ist das nicht. Schwierig sind Zwischenphasen. Immer wieder muss ich den Kontakt zu mir selbst suchen.

 

 

Erleben Sie Vorteile durch Ihre Erkrankung? Oder darf ich das nicht fragen?

Doch, dass dürfen Sie (lacht). Wenn Sie damit auf den primären oder sekundären Krankheitsgewinn anspielen, langweilt mich der Gedanke. Dafür dauert meine Erkrankung insgesamt schon zu lange. Ich habe ausreichend Rücksichtnahme, Fürsorge und Verständnis erfahren. Ich will nicht mehr wie ein rohes Ei behandelt werden.

Ich bin deutlich introspektiver geworden. Das erlebe ich als persönliche Reifung.

Von Vorteil erlebe ich das sich bei mir selbst stetig steigernde Expertenwissen rund um den Komplex psychischer Erkrankungen und der Manifestation der Kenntnisse von psychischen Traumatisierungen und historischem Detailwissen.

Beruflich helfen mir meine Kenntnisse über die menschliche Seele, seine potenziellen Abgründe und den Möglichkeiten und Grenzen resilienten Aufwachsens. Ich habe durch die Krankheit unglaublich viel gelernt von den psychologischen, biologischen, neurologischen und chemischen Zusammenhängen im menschlichen Körper.

Sicher hätte ich kaum ein geschultes Auge und eine inzwischen frei von Übertragungen funktionierende emotionale Empfindsamkeit, wenn das Zusammenleben mit meiner Mutter früher nicht tendenziell gefährlich gewesen wäre und ich meine Beobachtungsfähigkeit nicht hätte schulen musste. Die wurde notwendig, um mir mein biologisches und psychisches Überleben zu sichern.

 

 

Ihre Mutter war gefährlich?

Ja, das war sie phasenweise. Es gab mindestens zwei Erlebnisse, die ich analytisch als den Beginn eines versuchten erweiterten Selbstmordes identifizieren musste. Meine Mutter sprach im Alltag nicht viel. Ich musste sie beobachten, um zu erkennen, woran ich war. Das hat mein Auge und meine Wahrnehmung geschult.

 

 

Gibt es etwas, was Sie bei Ihrer Erfahrung Erst-Erkrankten raten würden?

Ich würde es jeden raten, rechtzeitig die Reißleine zu ziehen, wenn der Alltag nicht mehr gelingt. Dazu gehört es, sich rasch ärztliche Hilfe zu suchen. Wenn keine körperlichen Gründe vorliegen, bleibt der Weg zum Psychiater und zum Psychotherapeuten. Nicht als notwendiges Übel, sondern als echte Chance. Das kann eine Ochsentour werden, das weiß ich, aber es lohnt sich, die noch verbleibende Kraft dafür einzusetzen. Ich habe erlebt, dass ich mich für meine Erkrankung nicht schämen muss. Es kann jeden treffen.

Wenn gar nichts mehr geht, kann sich jeder in eine Klinik einweisen lassen. Wenn es sein muss auch als Notfall. Unser System ist ganz sicher nicht perfekt, aber es gibt Hilfen. Die müssen entdeckt werden. Das ist die größte Schwierigkeit und die größte Anstrengung für psychisch erkrankte Menschen.

 

 

Das Interview führte Hedwig Brüggemann, freie Journalistin 

 

→ Buchtipp:

 

Mama, erzähl mir vom Krieg

Traumabildung in der Nachkriegsgeneration

Mabuse-Verlag

Erscheint am 26. März 2018

ISBN 9783863213893